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15.11.2008 Frauenworkshop 2008

„Frauen sind eben schwach“

Mit diesem Pauschal(vor)urteil wurde ich einst in einer Diskussion über Gewalt gegen Frauen konfrontiert. Es machte mich extrem wütend und ich finde, wenn etwas schwach ist, dann ist es die Denkweise hinter dieser Behauptung.

Denn man kann lernen, sich als Frau auch gegen einen körperlich überlegenen Gegner erfolgreich zur Wehr zu setzen – oder Handgreiflichkeiten schon im Vorfeld zu verhindern.

Diese Ansicht teilten auch die Teilnehmerinnen des Workshops „Frauenselbstsicherheit“, der am vergangenen Wochenende in der Gamstädter Turnhalle stattfand und vom Thüringer Ju-Jutsu Verband ausgerichtet wurde. Als Themengebiete waren häusliche und sexuelle Gewalt sowie Kindesmissbrauch und Stalking aufgeführt – sehr schwierige und leider immer noch stark tabubehaftete Themen. Geleitet wurde der Workshop von Christian Zink, der als Frauenreferent des TJJV schon mehrfach Kurse zu diesem Gebiet veranstaltet hat. Er schaffte es vom ersten Moment an, die Problematik sensibel, aber dennoch auf unverkrampfte Art anzugehen und bezog uns gleich mit ein. Nach einem kurzen Kennenlern-Spiel erklärte er die verschiedenen Stufen der Konfliktlösung bzw. -vermeidung und beseitigte so manch falsche Vorstellung über Gewalt gegen Frauen. Hätten Sie's etwa gewusst? Entgegen der Darstellung in den Medien ist der Täter dem Opfer im Großteil der Fälle bekannt, Übergriffe von Fremden sind eher die Ausnahme.

Natürlich blieb es nicht nur bei Vorträgen, wir konnten uns auch „schlagkräftig“ auf der Matte ausprobieren, was dank der Pratzen und Vollschutzanzüge auch ohne Skrupel möglich war. Für viele war das eine neue und ungewohnte Erfahrung – schließlich sind die Gelegenheiten, bei denen man ungestraft zuschlagen darf, im Alltag doch eher spärlich gesät. Christian Zink und seine Helfer zeigten uns ein vielfältiges Repertoir von einfach anwendbaren Techniken, die auch ohne viel Kraftaufwand effektiv zur Verteidigung eingesetzt werden können. Besonders viel Spaß machten mir persönlich die Stimmübungen (lautes Sprechen, Schreien), die die ganze Gruppe gemeinsam machte, so dass es für keinen peinlich werden konnte.

Zwischen den einzelnen Übungen wurden immer wieder informative Vorträge gehalten, die ein sehr breites Spektrum der Materie abdeckten, es gleichzeitig aber auch nicht an Tiefe missen ließen und gut auf einander aufbauten. Thomas Jorgs, Leiter der Polizei Inspektion Erfurt Nord, erklärte uns die Vorgehensweise und die Möglichkeiten der Polizei bei häuslicher Gewalt und führte auf, welche Anlaufstellen für Opfer, Freunde oder Angehörige zur Verfügung stehen. Hans-Olaf Richter vermittelte als Jurist die rechtlichen Aspekte. Auch Fragen wie „Was tun, wenn man doch Opfer geworden ist“ oder„Wie kann ich Betroffenen helfen“ wurden eingehend behandelt, wobei die Referenten voll aus ihrer langjährigen Erfahrung schöpften. Nie kam jedoch das Gefühl des „Frontalunterrichts“ auf und es war immer wieder Platz für kleine Diskussionen, die aus Fragen unsererseits entstanden .

Gegen Ende der Veranstaltung wurden auch kurze Rollenspiele inszeniert, so dass wir realitätsnah in brenzlige Situationen versetzt wurden und das eben Gelernte – bei gefühltem Puls 200 – anwenden konnten. Wer wollte, konnte die Szene filmen und hinterher von allen gemeinsam auswerten lassen, was meiner Meinung nach sehr hilfreich war. Es war gar nicht so einfach, die Situation richtig einzuschätzen und zwischen einer unglücklichen, aber harmlosen„Anmache“ und einer wirklich gefährlichen „Angriffsvorbereitung“ zu unterscheiden!

Ich persönlich habe viel aus dem Workshop mitnehmen können und kann es jedem als sinnvolle Investition in die eigenen Sicherheit nur empfehlen. Egal, wie alt man ist, egal, ob langjährige Kampfsportlerin oder Sportmuffel – man lernt auf jeden Fall viel dazu. Gewalt begegnet uns leider immer wieder im Alltag und deswegen betrifft uns das Thema Selbstverteidigung unmittelbar und ist viel zu wichtig, als dass man sich durch schwache Gegenargumente davon abhalten lassen darf. Auch wenn man vielleicht nicht „stark“ im Sinne von Muskelmasse ist, muss man noch lange nicht wehrlos sein! Denn oft sind es Kleinigkeiten, die große Wirkung zeigen, und „stark“ beginnt im Kopf.